Mehr Lebensqualität durch regionales Wirtschaften

Ein Artikel aus dem Internet:

Mehr Lebensqualität durch regionales Wirtschaften

Seit Mitte der 80er-Jahre sind weltweit zahlreiche Tauschsysteme entstanden, die alle nach dem gleichen Grundprinzip funktionieren: Güter und Dienstleistungen werden nicht mit Geld bezahlt, sondern mit anderen Gütern und Dienstleistungen beglichen. Der Tausch findet nicht direkt zwischen zwei Partnern statt, sondern indirekt zwischen einer größeren Anzahl von Mitgliedern.

Tauschsysteme bringen für die Teilnehmer vielfältigen Nutzen. Sie reduzieren die Abhängigkeit von Geld und verbessern die materielle Versorgung. Eine Familie, die den Babysitter nicht mehr bezahlen muss, sondern eine beliebige Gegenleistung erbringt, kann das ersparte Geld für anderweitige Anschaffungen verwenden und entlastet damit das Haushaltsbudget. Tauschgeschäfte erzeugen aber auch ein enges Beziehungsgeflecht unter den Mitgliedern und fördern dadurch Solidarität, Hilfsbereitschaft und Kooperation.

Die meisten derzeit aktiven österreichischen Tauschsysteme wenden sich an Privatpersonen und verstehen sich als organisierte Nachbarschaftshilfe. Daneben gibt es einige wenige Tauschringe, sogenannte Barter-Clubs, die ausschließlich kommerziell ausgerichtet sind und nur Firmen als Mitglieder aufnehmen.

Im Ressourcentauschring werden sowohl Firmen, als auch öffentliche Einrichtungen und Privatpersonen als Zielgruppe angesprochen. Dadurch erreichen wir eine größtmögliche Vielfalt von Tauschangeboten und jeder einzelne Teilnehmer - ob gewerblich, öffentlich oder privat - kann davon profitieren.

Welche Ressourcen stehen zur Verfügung?
Freie Kapazitäten, ungenutzte Kapazitäten, Überproduktion, Zeit und sogar Abfall sind wichtige Ressourcen, die in einem Tauschring angeboten und wirtschaftlich verwertet werden können. Freie betriebliche Kapazitäten liegen vor, wenn der vollen Produktion oder Dienstleistung eine geringere Nachfrage gegenübersteht. Häufigste Ursache dafür: Die Interessenten verfügen nicht über das nötige Geld, um die gewünschte Leistung einzukaufen.

Der Ressourcentauschring vermittelt freie Kapazitäten und erhöht die Chance auf zusätzliche Aufträge, weil die Kunden nicht mit Bargeld bezahlen müssen, sondern eine entsprechenden Gegenleistung in den Tauschring einbringen. Ungenutzte Kapazitäten sind Leistungen und Produkte, die nicht den Hauptunternehmensgegenstand darstellen. Ihrer Vermarktung wird daher auch keine besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Für jemand anderen wären diese Kapazitäten allerdings durchaus von Interesse.

Zum Beispiel:
Eine Privatperson pendelt täglich von ihrem Wohnort in die Stadt. Sie könnte dabei kleinere Lieferaufträge für eine Firma übernehmen.
Vereine verschicken regelmäßig Informationsmaterial an ihre Mitglieder. Diese Aussendungen könnte ein Unternehmen als Werbeträger nützten.

Eine Firma verfügt über mehrere Fahrzeuge und ist damit ständig in dicht besiedeltem Wohngebiet unterwegs. Die Fahrzeuge stellen auch für andere Kleinbetriebe eine interessante Werbefläche dar.

Betriebliche Überproduktion, z.B. im Nahrungsmittelbereich, stellt manchmal ein Problem dar, weil einerseits Lagerplatz benötigt wird und andererseits nach Ende des Ablaufdatums die Ware entsorgt werden muss. Solche Überproduktionen können in einem Tauschring angeboten und sinnvoll verwertet werden.

Zeit: Personen, die nicht im Vollzeiterwerb stehen, können die Ressource Zeit mit anderen tauschen, indem sie z.B. für gehbehinderte Menschen einkaufen gehen, Behördengänge erledigen, Tier- oder Hausbetreuung anbieten, und vieles mehr.

Abfall: Was für die einen Abfall ist, kann für die anderen wertvoller Rohstoff sein. Der Ressourcentauschring möchte auch Angebot und Nachfrage solcher Stoffe koordinieren und verwertbare Materialien, die bisher auf die Deponie wanderten, einer sinnvollen Nutzung zuführen.

Neue Chancen für Gemeinden und Städte!
Vielfältige Möglichkeiten eröffnen sich auch für Gemeinden, die ihre lokalen Ressourcen, also öffentliche Einrichtungen wie Bäder, Sportstätten, Bibliotheken, Schulen, Pflegeheime, sowie die Kreativität und Zeitreserven der Bürger aktivieren und in einen Tauschring einbinden. Welche Gemeinde könnte nicht Unterstützung bei der Bewerbung und Durchführung von Veranstaltungen brauchen? Für die Hilfe bei Plakatierung, Garderobe, Beaufsichtigung, usw. ist der Bedarf groß, ebenso bei der Mithilfe in Senioren- oder Pflegeheimen (Spaziergänge mit Bewohnern, Einkäufe, Besorgungen oder ähnliche kleine Hilfeleistungen). Im Gegenzug können die Mitglieder des Tauschringes am Mittagstisch des Seniorenheimes oder an kulturellen Veranstaltungen, wenn diese nicht voll ausgelastet sind, teilnehmen, oder sie besuchen ein Hallenbad, Kino, etc.

Tauschkreise können einen beträchtlichen sozialen Nutzen stiften, sie sorgen aber auch für ernst zu nehmende wirtschaftliche Impulse, da viele private Leistungen in eine neu entstandene lokale Wertschöpfungskette einfließen.

Am besten veranschaulicht diese Wertschöpfung ein faszinierendes Beispiel aus Brasilien (nachzulesen im dem spannenden Buch "Das Geld der Zukunft" von Bernard A. Litaer).
Müll, der kein Müll ist!
Im Jahr 1971 wurde der Architekt Jaime Lerner Bürgermeister von Curitiba, der Hauptstadt des brasilianischen Bundesstaates Paraná im Süden des Landes. In einer für die Region typischen Entwicklung war die Einwohnerzahl der Stadt von 120 000 Menschen im Jahr 1942 auf über eine Million im Jahr 1971 in die Höhe geschnellt. Ende der 90er Jahre hat die Stadt fast zweieinhalb Mio. Einwohner. Ein Großteil der Bevölkerung lebt in den sog. "Favelas", den Elendsvierteln mit Hütten aus Karton und Wellblech.
Eines der Hauptprobleme, die Jaime Lerner zu lösen hatte, war der Müll. Die Wagen der städtischen Müllabfuhr gelangten erst gar nicht in die Favelas, weil die Straßen viel zu schmal waren. Folglich türmte sich dort der Müll auf, Ratten und Ungeziefer breiteten sich aus, und die Krankheiten nahmen zu. Ein unhaltbarer Zustand. Lerner verfügte nicht über das Geld, um nach der üblichen Methode die Slums abzureißen und Straßen zu bauen. Statt dessen fanden er und seine Mitarbeiter eine andere Lösung.
Am Rand der Favelas wurden große Metallcontainer aufgestellt. Die Tonnen trugen die Aufschrift Glas, Papier, Plastik, Biomüll usw. Zudem waren sie für die Analphabeten farblich gekennzeichnet. Wer eine Tüte mit vorsortiertem Müll brachte, erhielt eine Busfahrkarte. Über ein Programm zur Müllsammlung und -trennung in Schulen wurden ärmere Schüler mit Schulheften versorgt.

Schon bald hielten Zehntausende von Kindern die Viertel sauber. Die Kinder lernten sogar, verschiedene Kunststoffe zu trennen. Die Eltern fuhren mit den Busfahrscheinen zur Arbeit in die Stadt. Heute nehmen 70 % aller Haushalte in Curitiba an diesem Programm teil. Allein die 62 ärmeren Stadtteile tauschen pro Jahr 11 000 Tonnen Müll gegen fast eine Million Busgutscheine und 1200 Tonnen Lebensmittel ein. In den letzten drei Jahren bekamen über 100 Schulen für 200 Tonnen Müll 1,9 Mio Schulhefte. Schon durch das Papierrecycling erhält man die Rohstoffe, für die jeden Tag 1200 Bäume gefällt werden müssten.

Curitiba ist heute eine Stadt, in der vieles dem Schulwissen widerspricht. Im Jahr 1992 wurde ihr von der UNO der Titel "Ökologischste Stadt der Welt" verliehen!

Ich hoffe, dass Sie dieses beeindruckende Beispiel aus Brasilien motiviert, dem Ressourcentauschring beizutreten. Gerade im Zuge der immer stärker werdenden Globalisierung liegt es an jedem einzelnen von uns, durch regionales, ressourcenschonendes Wirtschaften die Lebensqualität nachhaltig zu sichern.

Rudolf Gruber
Tauschringinitiator


Literatur:
Günter Hoffmann: Tausche Marmelade gegen Steuererklärung. Ganz ohne Geld - die Praxis der Tauschringe und Talentbörsen; 1998 Piper Verlag München
Bernard A. Lietaer: Das Geld der Zukunft. Über die destruktive Wirkung des existierenden Geldsystems und die Entwicklung von Komplementärwährungen; 1999 im Bertelsmann Verlag erschienen.

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